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Rückblicke 2017

AGiS-Jahrestagung 2017 zum Thema „Slawen und Sorben in der Oberlausitz“ und Mitgliederversammlung im Museum Bautzen

 

Für unsere Jahrestagung zum Thema "Slawen und Sorben in der Oberlausitz" hätten wir keinen besseren Ort als Bautzen wählen können: Seit vielen Jahren ist die Stadt das historische und kulturelle Zentrum der Sorben; hier sind das Sorbische Museum und das Sorbische Institut fest verankert.

Dennoch hat das Interesse alle Erwartungen übertroffen: Unser Gastgeber und Leiter des Museums Bautzen, Dr. Jürgen Vollbrecht, und Bautzens Oberbürgermeister Alexander Ahrens konnten nicht nur 40 Gesellschaftsmitglieder, sondern 23 weitere Teilnehmer im voll besetzten Saal des Museums begrüßen. Auf welche Irrwege ein Volksbegriff führen kann, der unkritisch und unreflektiert auf archäologische und historische Quellen angewandt wird, zeigte Judith Schachtmann M.A. am Beispiel des Bautzener Lehrers und Museumsleiter Walter Frenzel, der sich bei allen Verdiensten um die Erforschung der Vorgeschichte im Raum Bautzen während der 1920er Jahre tief in den Nationalsozialismus verstrickt hatte. Hackersilberfunde sind eine einzigartige Quelle für die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen im slawischen Ostmitteleuropa vom 9. bis ins 11. Jh. v. Chr. Welche großen Potentiale Metallanalysen für die Bestimmung von Herkunft und Verteilung des Silbers besitzen, hat der Görlitzer Museumsleiter Dr. Jasper von Richthofen eindrucksvoll aufgezeigt. Dass diese Deponierungen durchaus mit Tributzahlungen in Zusammenhang stehen könnten, die in der historischen Überlieferung mehrfach erwähnt werden, war nur ein Teilaspekt des Vortrags von Prof. Dr. Matthias Hardt vom GWZO in Leipzig, der für die Lausitz im 11. Jh. ein mitunter blutiges Panorama dynastischer Verbindungen, Kriegszüge und Friedensschlüsse im Spannungsfeld von Ottonen, Saliern, Piasten und Přemysliden aus den Schriftquellen entfaltete. Dipl.-Mus. Volker Schimpff schließlich verfolgte den Sorbennamen bis in die Quellen des 8. Jahrhunderts zurück, um überzeugend nachzuweisen, dass unter diesem politischen Begriff anfänglich alle westslawischen Verbände verstanden wurden. Eine pauschale Zurückweisung ethnischer Fragestellungen ist sicherlich ebenso falsch wie die unkritische Vermengung archäologischer, namenkundlicher oder historischer Quellen zur Legitimation politischer Ziele. So demonstrierte der Überblick über den archäologischen Forschungsstand durch Dr. Thomas Westphalen einmal mehr, wie schwer es ist, schriftliche und archäologische Überlieferung in Deckung zu bringen. Auf ebenso großen Zuspruch wie das Vortragsprogramm stieß die Führung durch die Sonderausstellung "Fleisch!". Wir möchten Herrn Dr. Vollbrecht nicht nur für seine anschaulichen Ausführungen zum Thema Jagd in der Steinzeit, sondern auch für die Vorbereitung der Veranstaltung ganz herzlich danken und in diesen Dank alle Museumsmitarbeiter einschließen!


Frühjahrs-Exkursion: Das mittelalterliche Borna: Burg — Siedlungen — Kirchen — Straßen

 

Bei frühlingshaften Temperaturen tauchten wir am 25. März unter kundiger Führung von Dr. Susanne Baudisch (AGiS), Gabriele Kämpfner (Museum Borna) und Gert Schreiber (Geschichtsverein Borna) in die Bornaer Geschichte ein. Zum Auftakt umrundeten wir in der Wyhra-Aue die einstige Wasserburg "Jahnschloss" (1294 castrum), auf die heute nur noch schwache Bodenerhebungen hinweisen. Dabei führte unser Weg auch durch die seit Alters zusammengehörenden Dörfer Wenigborna und Altstadt Borna auf der Hochterrasse nahe der Burg. Bis zur Reformation stand in Altstadt Borna eine Pfarrkirche: von dieser völlig verschwundenen Johanniskirche künden heute nur noch Flurnamen bzw. topografische Relikte wie der Johannisgraben oder der Johannisteich. Die städtische Keimzelle Bornas allerdings fand sich nördlich der Kunigundenkirche um den alten Färberplan (heute Königsplatz). Erst nach 1200 siedelten Handwerker und Kaufleute in den Bereich der planmäßig angelegten Stadt, die wir heute als historischen Stadtkern mit dem Marktplatz wahrnehmen. Die vereinte Kompetenz der Teilnehmer, die die Suche nach Verortung und Deutung historischer Plätze tatkräftig unterstützten, verlieh der Veranstaltung den Charakter eines Outdoor-Workshops: Immer wieder wurden Ergebnisse archäologischer Ausgrabungen eingeflochten; Rekonstruktionen alter Verkehrswege oder mögliche Keimzellen der späteren Stadt diskutiert. Zwischen den Erkundungsgängen sammelte man sich im Museum der Stadt Borna, das im Reichstor untergebracht ist.

Neben der wunderbar improvisierten Verköstigung bestand hier die Möglichkeit, Kurzreferaten zu lauschen und Fundmaterial zu studieren. Der Stadtrundgang führte auch zu bedeutenden Profan- und Sakralbauten. Borna ist mit drei Kirchen gesegnet, wie sie unterschiedlicher kaum sein können: die Kunigunden-Kirche - eine romanische Backsteinbasilika mit Wandmalereien des 15. Jahrhunderts, die spätgotische Hallenkirche St. Marien und die kleine Emmauskirche, deren Umzug vom abgebaggerten Heuersdorf nach Borna landesweit für Aufsehen sorgte. Die Fotodokumentation dieser logistischen Meisterleistung von Thomas Bergner kann in der St. Marien-Kirche bestaunt werden. Eindrucksvoll war auch der Klang der großen Glocke der Marienkirche, die nur zu wenigen Anlässen des Kirchenjahres erklingt, und die in unserem Beisein geläutet wurde.

An dieser Stelle möchten wir nochmals allen Beteiligten, die zum Gelingen dieser schönen Veranstaltung beigetragen haben, unseren herzlichen Dank aussprechen - neben den oben Genannten sind dies weiterhin Prof. Dr. Gerhard Graf (Leipzig), Helmut Hentschel (Förderverein Rötha. Gestern. Heute. Morgen e.V.), Sup. Matthias Weissmann und Jürgen Schmidt (Kirchgemeinde Borna), Thomas Bergner und Jörg Fritsch (Museum Borna) sowie die guten Geister vom Geschichtsverein Borna e.V., die uns so gastfreundlich umsorgten!

Die Leipziger Volkszeitung berichtete über die Veranstaltung.


Blick hinter die Kulissen der Porzellan-Manufaktur Meissen: Exklusiv-Führung durch Manufaktur und Formenarchiv mit Chefplastiker Jörg Danielczyk

 

Wer vor sieben Jahren die vom Landesamt für Archäologie Sachsen maßgeblich kuratierte Ausstellung "Luxus in Scherben" in Dresden gesehen hat und heute in dem reich bebilderten Katalog blättert, wird nachvollziehen können, wie viel Porzellanherstellung und Archäologie miteinander zu tun haben, und dass das älteste europäische Zentrum der Porzellanherstellung in Europa auf der Meissener Albrechtsburg lag. Hier haben Archäologen die Brennöfen der berühmten Porzellanmanufaktur und die Pferdegöpel für die Masseaufbereitung im Kornhaus freilegt. Weitere Zeugnisse der Porzellanherstellung sind die Scherbenhalde am Nordhang des Schloßberges zur Meisa hin sowie die Schlossröhrfahrt zur Wasserversorgung der Produktionsstätten. Erst 1867, über 100 Jahre nach ihrer Gründung wurde die Produktion aus technischen Gründen vom Burgberg in das Triebischtal verlegt. Ein Besuch der Meissener Porzellanmanufaktur durch die Archäologische Gesellschaft in Sachsen war also längst überfällig.

Am Samstag, dem 4.3.2017 war es schließlich so weit. Wir verdanken die Besichtigung unserem Mitglied Jörg Danielczyk, der als Chefdesigner das Unternehmen seit Jahren mit geprägt und manche Großplastik aus Porzellan wie eine lebensgroße "Saxonia" im Abendkleid gestaltet hat. Eine Probe seines künstlerischen Könnens durften die Teilnehmer am Ende sogar mit nach Hause nehmen. Herzlichen Dank!

Gleich zwei Vorträge und eine ausgedehnte Führung boten die einmalige Gelegenheit, nicht nur die Geschichte des Hauses und den Lebenslauf eines führenden Mitarbeiters, sondern auch das Herzstück der Herstellung, das Formenarchiv kennenzulernen, durch das uns sein Leiter, Herr Marschner führte. Währenddessen erfuhr der Nachwuchs von Frau Danielczyk, wie Porzellan hergestellt wird und im 18. Jahrhundert den höfischen Alltag bestimmte. Der pädagogische Erfolg zeigt sich an dem Eifer, das erworbene Wissen über barocke Sitten gleich beim Decken des Abendessentisches nutzbringend anzuwenden.

Wir möchten uns beim Ehepaar Danielczyk und Herrn Marschner ganz herzlich für einen ebenso informationsträchtigen wie kurzweiligen Nachmittag bedanken, der allen als ein Höhepunkt unseres Aktivitätsjahres in Erinnerung bleiben wird.


Winterexkursion zur Sonderausstellung "Aus dem Bautzener Untergrund - Neues aus der Stadtarchäologie" im Museum Bautzen mit Vortrag

 

Ziel unserer diesjährigen Winterexkursion war die Finisage der Sonderausstellung "Aus dem Bautzener Untergrund - Neues aus der Stadtarchäologie" im Museum Bautzen. Einführend stellte Dr. Thomas Westphalen in seinem Vortrag "500 Jahre Bautzener Stadtgeschichte im Spiegel archäologischer Quellen" das Aufkeimen der Stadt anhand von Bodenfunden und den ältesten Schriftquellen vor, veranschaulichte die überregionale Einbindung Bautzens in das historische Verkehrsnetz und schlug den Bogen zu anderen Frühstädten Sachsens. Anschließend führte unser Mitglied Museumsleiter Dr. Jürgen Vollbrecht durch die umfangreiche und in wunderbar stimmungsaufhellenden Farbtönen gehaltene Ausstellung. Schlaglichtartig wurden aktuelle Grabungen aus dem Bautzener Stadtgebiet sowie die Arbeitsweise von Archäologen vorgestellt. Vielfältige Bodenfunde illustrierten den Alltag der Stadtbevölkerung im Wandel der Jahrhunderte. Wer Freude am Rätselraten hat, war hier am richtigen Ort. Eine wichtige Einsicht: Was der Untergrund preisgibt, sind nicht immer Antworten. Andernfalls wäre es auch nur halb so spannend...

Wir danken beiden Referenten und freuen uns auf ein baldiges Wiedersehen im Museum Bautzen, wo am 8. April unsere Jahrestagung stattfinden wird.